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DIES IST EIN TESTVARIABLEN-INHALT ! / Zweite Variable zum Testen
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( Rubrik: Historie ) - 05.08.2026 15:54:52
Es war 1958.
Der Stadtarzt, zu dem meine Mutter mit uns Kindern regelmässig ging, verordnete für mich eine Kur in Bad Rothenfelde. Der Termin waren die Sommerferien. Ganze 6 Wochen durfte ich mit vielen anderen Kindern zusammen sein. Vor Aufregung und Vorfreude konnte ich tagelang kaum einschlafen.
Meine Mutter hatte natürlich eine Menge zu tun. Ich brauchte ja auch für 6 Wochen ausreichend Kleidung. Und am Tag vor der Abreise bekam ich eine Tüte voller Lieblingssüßigkeiten von meiner Mutter mit eingepackt, Fräulein Ophoff ließ es sich natürlich auch nicht nehmen, mir eine Tüte zuzustecken und von allen bekam ich noch einiges an Taschengeld.
Am Tag der Abreise brachten mich meine Mutter und meine Oma an den Zug nach Essen Hauptbahnhof. Ich war voller Erwartung und freute mich riesig auf die Zugreise und auf die vor mir liegende Zeit.
Im letzten Moment steckte die Oma mir noch eine Tafel Novesia Goldnuss zu. Das war nach meinem Ermessen die teuerste und beste Schokolade die es gibt. Denn die normale Schokolade kostete 1DM, die Novesia Goldnuss dagegen kostete 1,20 oder 1,50. So ganz genau kann ich das heute nicht mehr sagen. Jedenfalls war das nach meinem Empfinden sehr, sehr viel Geld für meine Oma und sie musste dafür bestimmt auf etwas Anderes verzichten.
Fröhlich winkend stand ich dann am Fenster, während der Zug mit den vielen Kindern, die alle mit mir ihre Ferien verbringen sollten, aus dem Bahnhof fuhr.
Ein Bus holte uns dann am Bahnhof in Bad Rothenfelde ab und die Begleitpersonen verabschiedeten sich von uns. Wir waren angekommen.
Immer noch war ich frohgemut und ahnte nicht, was mir bevorstehen würde. Zunächst bekamen wir die Schlafräume gezeigt, in denen wir zu acht oder zehn Kindern untergebracht waren. Jeder bekam einen Schrankraum zugewiesen und es hieß, Koffer auspacken. Alle Kleidung in den Schrank, Schuhe in den Keller, bzw in einen Raum neben einem Stall in dem auch Schweine waren und wo sich auch das Klo für uns befand. Ausser Nachts, da konnten wir im Haus zur Toilette gehen.
Und nun nahm das Drama seinen Lauf.
Zunächst mussten wir alles, was wir an Süssigkeiten und Obst dabei hatten im Essraum auf den Tisch legen. Dann wurde kontrolliert, ob niemand etwas versteckte. Alles, was noch in einer Jacke oder Tasche war, wurde zu Tage befördert. Man sagte uns, dass diese Sachen aufgeteilt werden, unter allen Kindern. Auch meine Tafel Novesia Goldnuss wurde mir abgenommen. Ich wollte sie nicht hergeben, sagte, ich nehme sie wieder mit nach Hause. Aber das half nicht.
Ich dachte an meine Oma, daran, wie schwer sie es hat durchs Leben zu kommen, mit wieviel Liebe sie diese Schokade für mich gekauft hat und dass ich sie nun für fremde Kinder hergeben muss. Ich fing an zu weinen, wollte nur noch weg von dort und konnte mich kaum beruhigen.
Man sagte dann, dass ich Heimweh habe und sich das legt. Das war sicher richtig, Heimweh hatte ich wie verrückt. Damit war ich auch nicht alleine, es gab noch ein paar Kinder, die am Abend weinten, weil sie nach Hause wollten. Bei vielen legte sich das nach zwei oder drei Tagen, bei manchen dauerte es ein wenig länger. Nur Gitta Klein tanzte aus der Reihe und zog sich den Unmut der Aufsichtspersonen zu, denn auch nach drei Wochen ließ mich das Heimweh nicht los. Ich habe sechs Wochen lang jeden Tag geweint. Und nicht nur am Abend, sondern oft genügte eine Kleinigkeit, ein Wort, ein Blick, vor Allem aber der Gedanke an meine Geschwister, an Mama und Papa und besonders an Oma Reinicke und schon konnte ich die Tränen nicht zurückhalten.
Zur Strafe musste ich mit der Begründung, dass die anderen Kinder nicht schlafen können, im Waschraum auf dem Fußboden schlafen. Unter Androhung, dass ich, wenn ich nicht mit der Heulerei aufhöre, unten im Stall schlafen muss.
Ich hätte mir so gewünscht, meine Mutter würde kommen und mich mitnehmen. Aber die ahnte nichts von meiner Not, denn einmal die Woche durften wir zwar nach Hause schreiben, aber nur Positives, sonst wurden die Briefe und Karten nicht weitergeschickt. Sie haben erst einmal alles gelesen, damit man keine Jammerbriefe nach Hause schreibt.
Das Besondere an diesem Heim war, dass dort auch “Privatkinder” untergebracht waren. Also Kinder reicherer Leute, die es sich leisten konnten, die Kosten selber zu tragen. Die bekamen ihr Essen in einem anderen Raum, der auch gemütlicher eingerichtet war, hatten Zimmer zu zweit oder alleine und machten auch ihre Ausflüge getrennt von uns. Natürlich bekamen sie besseres Essen als wir, nicht jeden Tag Eintopf, sondern Fleisch und Gemüse und jeden Tag Nachtisch.
Aber für mich das Schlimmste von Allem war, sie bekamen auch die Süssigkeiten. Unsere Süssigkeiten, die wir abliefern mussten. Nur einmal in der Woche durften wir auch etwas davon bekommen. Aber die guten Sachen, auch meine Novesia Goldnuss, waren für die Privatkinder. Oder, heute denke ich, vieles haben sie wohl auch selbst behalten.
Meine Mutter und Fräulein Ophoff, die natürlich ahnungslos waren, schickten mir sogar ein Päckchen mit Leckereien. Auch die anderen Kinder bekamen von zu Hause etwas als Nachschub geschickt. Wir durften sie öffnen und auspacken, dann kamen sie weg und wir durften nicht vergessen, uns im nächsten Brief für den Inhalt zu bedanken.
Weil ich immerzu weinte und so vollkommen unglücklich dort war, wurde ich natürlich von den Betreuerinnen nicht gut gelitten. Sie fanden immer etwas, womit sie mich spüren ließen, dass sie am längeren Hebel sitzen und ich habe die Stunden gezählt, bis ich wieder nach Hause kommen.
Bis heute verbinde ich mit “Novesia Goldnuss” zweierlei. Zum Einen meine Oma und ihre Liebe zu mir, zum Anderen, die furchtbarste Zeit meines Lebens.
Einige Jahre später erzählte mir meine Mutter, dass dieses Heim geschlossen wurde. Es haben sich wohl sehr viele Eltern beschwert, so dass die Stadt davon absah, weiter Kinder dorthin zu schicken.
Heute,, da man allmählich anfängt, die Folgen der Hitlerzeit aufzuarbeiten, stelle ich fest, dass vieles von dem, was uns damals, in den 50er und 60er Jahren als Erziehungsstil auferlegt war, eine Folge war, von dem, was die Erwachsen als Kinder der ersten Hälfte des Jahrhunderts so und nicht anders gelernt hatten. Geprägt von den Lehren Johanna Haarers und Ernst Kriecks.
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